Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Worphausen feiert zehnjähriges Bestehen

Lilienthal. „Man darf alles aus den Regalen nehmen, aber auch wieder hinein stellen“, so ist die feste Regel. Und es ist viel, was in den Regalen der Janusz-Korczak Geschwisterbücherei steht. 5000 plus, sagt deren Gründerin Marlies Winkelheide über die Anzahl der in den Regalen stehenden Kinder- und Jugendbücher zu sozialen Fragen und zu Geschwisterbeziehungen in Familien mit einem oder mehreren behinderten Kindern. Und sie hat sie alle gelesen. Wahrscheinlich, so die Sozialwissenschaftlerin, ist es die größte Sammlung zu Geschwistern in Europa. So ganz genau weiß sie es nicht, denn es gibt kaum Vergleichbares. Die Worphauser Geschwisterbücherei aber strahlt über die Grenzen des kleinen Orts hinaus. Viele Universitäten und wissenschaftliche Institute holen sich hier in den Räumen des ehemaligen Copyshops und Bäckereigeschäfts Material und Anregungen zum Themenkreis Geschwister. Seit zehn Jahren ist die Bücherei vornehmlich Treffpunkt und Seminarort für junge und erwachsene Geschwisterkinder von Menschen mit Behinderung, deren Eltern und Großeltern. Sie ist aber auch Geschwisterberatungsstelle der Lebenshilfe Bremen.

Besucher aus 14 Bundesländern

Auf dem Tisch steht jede Menge Süßes für die Seele und es liegt Plastikspielzeug, das vielleicht nicht pädagogisch wertvoll ist, aber Spaß macht, herum. Auch die Regale in den vier Räumen sind prall gefüllt mit jeder Menge Spielzeug. „Kommen Sie mal vorbei, wir gucken mal“, sagt Marlies Winkelheide bei Anfragen zu Beratungsgesprächen. Ohne Antrag an die Krankenkasse, ziemlich unbürokratisch und umsonst erhalten die Besucher zwei Beratungsgespräche. Und wenn eine Familie zahlen kann, lässt Winkelheide sie den Wert der Beratung selber einschätzen. Die Eltern und Geschwisterkinder kommen aus 14 Bundesländern mit speziellen Fragestellungen nach Worphausen. Über die Auswahl von Büchern und Spielzeug, die die Kinder beim Beratungstermin treffen, kommt Marlies Winkelheide mit ihnen ins Gespräch. Da gibt es die Barbie im Rollstuhl, Puppen mit Downsyndrom und eine von ihr gestaltete Spielarena mit Holzklötzen, in die sie elektronische „Kakerlaken“ setzt, die sich zwischen den hölzernen Hindernisse trotz ihrer Kleinheit einen Weg bahnen. „Die Kinder reden ganz anders, wenn die Eltern nicht dabei sind“, war ihre Erfahrung, die sie bereits ab 1982 im Niels-Stensen-Haus machte. Als sie 1998 in der katholischen Bildungsstätte kündigte, nahm sie einen Fundus von 2 000 Büchern mit. Seit nunmehr 37 Jahren bietet die Pionierin der Geschwisterarbeit Seminare für Geschwister von Kindern mit Beeinträchtigungen wie auch Familienseminare an. Damals habe man sie, die in einer Bremer Beratungsstelle arbeitete, gewarnt. „Niemand wird hier raus nach Worphausen kommen.“ Das Gegenteil ist der Fall. Peu-à-peu erweiterte sich die Geschwisterbücherei und es gründete sich ein Elternverein. Jetzt können Marlies Winkelheide und ihre Mitarbeiter keinen einzigen der vier großen Räume mehr wegdenken.

„Es ist normal verschieden zu sein.“ Diesen Satz kann Marlies Winkelheide obwohl er richtig ist, nicht mehr hören. Wenn das die Begründung dafür ist, dass Geschwisterkinder die Behinderung ihres Bruders oder Schwester nicht benennen dürfen, dann stimmt etwas nicht, sagt sie. „Rumeiern“, nennt die 71-Jährige diese Sprachlosigkeit und das ist ihr Ding nicht. „Die Geschwister sind die Leidtragenden“, so ihr Fazit aus vielen Jahren Geschwisterarbeit. In der Geschwisterbücherei und der sich anschließenden Beratungsstelle ist es normal, solche Fragenstellungen anzugehen. Und hier, so Winkelheide, gibt es die Chance, ohne Eltern, aber nicht gegen die Eltern, zu fragen.

Benannt nach Janusc Korczak, dem Vater der Kinderrechte, wurde die Bücherei 2009 als öffentliche Präsenzbibliothek in Vereinsträgerschaft gegründet. Der polnische Pädagoge (1878-1942) ist Winkelheides Leitbild und bestimmt ihre Bildungsarbeit. Schon in frühen Jahren begegnete ihr der Kinderbuchautor, fasziniert ist sie nach wie vor von seinem pädagogischen Konzept „Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit“. Im Laufe der vergangenen zehn Jahre haben sich Geschwisterangebote deutlich vergrößert und die Anfragen an Bücherei und Beratung nehmen stetig zu. Es kommen zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene mit neuer Fragestellung zurück zur Geschwisterbücherei, beobachtet deren Gründerin. Es sei eine Frage der Prägung durch die Geschwister mit Behinderungen. „Mit Büchern kann man sich wunderbar weiterbilden und Kinder haben die Möglichkeit, sich in den Geschichten wiederzufinden."

Am Sonntag, 22. September, lädt die Janusz-Korczak Geschwisterbücherei (geschwisterbuecherei.de) von 11 bis 17 Uhr zum Tag der offenen Tür mit einer Rallye für Kinder, Kurzfilmen, Bücherflohmarkt und Geschwisterorchester ein. Um 12 Uhr wird das Geschwisterarchiv von Marta Ciesielska vom Korczakianum in Warschau eröffnet. Parkmöglichkeiten sind am Niels-Stensen-Haus vorhanden.

Quelle: Wümme-Zeitung, 14. September 2019

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