Zum Abschluss des Worphauser Schützenfestes müssen sich die Vereinsmitglieder vor dem „Nasse Gericht“ für ihr Handeln verantworten

Lilienthal-Worphausen. Es stellt jedes Jahr den krönenden Abschluss des Worphauser Schützenfests dar: das „Nasse Gericht“. Mit einem ordentlichen Schuss Humor halten Ankläger Johann Thölken und Richterin Anke Melloh dann ihren Schützenbrüdern und -schwestern die Verfehlungen des vergangenen Jahres vor. Die Beschuldigten müssen vor versammelter Mannschaft antreten und Besserung geloben. Doch Gnade kennt das Gericht nicht, jeder bekommt seine Strafe.

 

Foto
Ankläger Johann Thölken ließt einem Schützenbruder gerade die Leviten, dabei steht vor allem der Spaß im Mittelpunkt. FOTOS: HENNING HASSELBERG

Aus den Lautsprechern in Gerdes Landhaus schallt Blasmusik in Endlosschleife. Grün-weiße Fähnchen hängen von der Decke des großen Festsaals. Das Tanzparkett in der Mitte des Raumes ist frei. Außenrum stehen Tische in Reih und Glied. Darauf grüne Stoffdecken, rote Blumen und goldener Gerstensaft. Es ist kurz vor elf am Sonntagmorgen. Noch sind hier und da ein paar Stühle frei. Erst nach und nach trudeln die Vereinsmitglieder in ihren frisch gebügelten Uniformen ein.

Man sieht ihnen kaum an, dass sie gestern bis drei Uhr nachts gefeiert haben, zu Ehren des neuen Königshauses, dem nun Matthias Mehrtens als Majestät vorsteht. Vize-König ist Jürgen Böschen geworden. Bei den Damen stellt in diesem Jahr Katrin Köster die Königin, ihre Vize ist Svenja Böschen. In der Jugendsparte haben Till Behrens und Insa Lindenstrauß die Titel geholt. Jugend-Volkskönig darf sich ab sofort Pascal Geffken nennen. An diesem Morgen werden sie alle noch einmal offiziell im Festsaal begrüßt.

Es ist der dritte und letzte Tag des Worphauser Schützenfestes. Etwa 100 Gäste wollen ihn zusammen erleben. Die Stimmung ist ausgelassen, denn alle wissen, was gleich folgt: das „Nasse Gericht“. Dann dreht der für die Musik zuständige Schützenbruder den Lautstärkeregler noch etwas mehr auf. Mit ordentlichen Bässen wummern die Bierzeltklänge durch den Saal. Die Männer und Frauen stehen auf und klatschen im Takt, bis zwei seltsam gekleidete Gestalten durch die Hintertür eintreten. Er im schwarzen Anzug, mit schwarzem Hut und schwarzer Fliege. Sie mit einer langen bordeauxroten Richterrobe.

Ankläger Johann Thölken und Richterin Anke Melloh schreiten zu einem Tischchen in der Mitte des Raumes. Davor ein Hocker. „Arme Sünderbank“ steht drauf. Wer in den nächsten anderthalb Stunden auf diesem Schemel Platz nehmen muss, hat sich im vergangenen Jahr etwas zu Schulden kommen lassen und wird dafür angeklagt. Seit 25 Jahren übernimmt Johann Thölken diese Aufgabe. Seit sieben Jahren ist Anke Melloh als Richterin dabei.

Das Prozedere ist immer das gleiche. Erst verliest der Ankläger den Vorwurf, dann ruft er die betreffende Person auf die Sünderbank und konfrontiert sie mit den Details. Rechtfertigende Worte sind nicht gestattet. Der Angeklagte hat Reue zu zeigen. Dann übernimmt die Richterin den Fall, dramatisiert das Vergehen und spricht ein Urteil – meistens eine Geldstrafe zwischen einem und zehn Euro, die als Spende der Jugendsparte zugute kommt.

„Kommen wir zum ersten Fall“, sagt Johann Thölken mit gebotener Strenge. Im Festsaal herrscht jetzt absolute Stille. Die Vereinsmitglieder sind gespannt, wen es diesmal trifft. Dann ruft der Ankläger den alten Schützenkönig und zwei weitere Vereinsmitglieder auf. „Was haben die wohl angestellt?“, nuschelt ein Gast vor sich hin. In einigen Gesichtern glaubt man tatsächlich so etwas wie leichte Besorgnis zu erkennen. Denn der humorvollen Inszenierung liegt stets ein tatsächliches Fehlverhalten zugrunde.

Im ersten Fall ist es eine wichtige Vereinskette, die der Schützenkönig bei einem Empfang im Rathaus vergessen hatte anzulegen. Auch seinen beiden Begleitern war das damals nicht aufgefallen. Deshalb müssen sie nun Strafen zwischen 2,50 und 4,50 Euro zahlen.

Im weiteren Verlauf steht fast die Hälfte aller Anwesenden vor Gericht. Mal haben sie in fremde Vorgärten gepinkelt, mal zeigten sie unhöfliches Verhalten gegenüber anderen Schützenbrüdern. Und mal haben sie die öffentliche Toilette bei einem Dorffest für längere Zeit blockiert – und zwar für ein „Stelldichein mit dem Partner“, wie die Richterin erklärt.

Insgesamt zehn Fälle kommen zur Sprache. Fälle, auf die Johann Thölken und Anke Melloh während des vergangenen Jahres gestoßen sind. „Das Schwierigste ist, brisante Themen anzusprechen, ohne den Angeklagten zu beleidigen“, sagt Thölken. „Es soll ja Spaß machen.“ Und das gelingt dem Gerichts-Duo. Die Schützen lachen und applaudieren. Vor allem diejenigen, die diesmal nicht aufs Korn genommen wurden.

Quelle: Wümme Zeitung, 17. Mai 2010 

Diese Internetseite verwendet an mehreren Stellen sogenannte Cookies. Sie dienen dazu, unser Angebot nutzerfreundlicher, effektiver und sicherer zu machen. Die meisten der von uns verwendeten Cookies sind sogenannte „Session-Cookies“. Sie werden nach Ende Ihres Besuchs automatisch gelöscht. Um mehr über die von uns verwendeten Cookies zu erfahren und wie Sie sie löschen können erfahren Sie in unseren Datenschutzerklärungen.

  Ich akzeptiere Cookies von dieser Seite.
EU Cookie Directive Module Information