Lilienthal-Worphausen. Erst nach und nach gab die Kastanie die Geheimnisse eines ganzen Jahrhunderts preis. Denn im Verlauf der Bearbeitung des Holzes stieß der Holzskulpteur Ortwin Musall immer wieder auf Relikte aus ihrer frühen Jugendzeit. Und die ist bereits mehr als 100 Jahre her, wie Fotografien des jungen Baumes aus den 20er Jahren belegen. Zur feierlichen Aufstellung der Holzskulptur "Vereinte Vielfalt" brachte Adeline Kück, ehemalige Besitzerin des Baumes und nun Nachbarin des Niels Stensen Hauses, diese Fotos mit. Sie zeigen den Baum rank, schlank und grün im jugendlichen Alter.

 

Mehr als 100 Jahre später musste die an der Worphauser Landstraße auf dem Gelände des Niels Stensen Hauses stehende Kastanie gefällt werden. Sie war mit dem Brandkrustenpilz befallen. "Es war ein prägnanter Baum in der Einfahrt", beschrieb Norbert Stegemann, Leiter des Niels Stensen Hauses, die 15 Meter hohe und mit 4,60 Meter Stammumfang imposante Kastanie. "Es hat allen wehgetan, als 2009 die Entscheidung für die Fällung des Baumes fiel", so Stegemann weiter. An das genaue Fälldatum, den 21. Mai 2010, konnten sich Adeline Kück, Tochter Roswitha Stelljes und Norbert Stegemann noch genau erinnern.

Nun fand die mehr als 100-jährige Kastanie im ersten Innenhof des Niels Stensen Haus in Form einer großen Holzskulptur des Bildhauers Ortwin Musall ein neues Zuhause. Aus einem zwei Tonnen schweren Stammstück arbeitete der Rotenburger Bildhauer die Holzskulptur "Vereinte Vielfalt" heraus, die nun Einzug hielt in den ersten Innenhof des Niels Stensen Hauses. Mit dem Lied "Freude schöner Götterfunken" begrüßten die Bewohner und Mitarbeiter des Niels Stensen Hauses die Skulptur freudig.

Es waren dicke Steine, Reste einer Schaukelaufhängung und Metallstücke, die als Relikte einer jahrhundertealten Entwicklung tief in das Holz der Kastanie eingewachsen waren. Der Baum entpuppte sich als Versteck von Kinderspielzeug, auf das Ortwin Musall beim Sägen der Skulptur stieß. So manche Kette seiner Kettensäge musste daran glauben, als der Rotenburger freischaffende Holzmann, wie er sich selbst nennt, die Skulptur aus dem Kastanienholz herausarbeitete. "Der Baum erzählt Geschichten in Schichten", so Norbert Stegemann. Mit seiner Kettensäge holte Musall die ganze Vergangenheit aus dem Baum heraus. Dabei entstanden neun Skulpturen aus dem Kastanienholz, das Musall als Gegenleistung für die Skulptur "Vereinte Vielfalt" vom Niels Stensen Haus erhielt. "Alterskrone", die vor dem Niels Stensen Haus einen Platz fand, ist eine davon. Freude und Schmerz empfand Musall beim Schaffensprozess von "Vereinte Vielfalt", bei der Einweihung blieb allerdings nur noch die Freude zurück. Das Thema ergab sich für den Rotenburger Bildhauer wie von selbst, denn mit seiner Skulptur wollte er das Individuelle erhalten und zu einer Gesamtgestalt verbinden. Passend für das Niels Stensen Haus, findet Norbert Stegemann, in dem der Einzelne nicht untergeht und in der Gemeinschaft die Gesellschaft gestaltet.

Nicht nur Adeline Kück als einstige Besitzerin und langjährige Nachbarin verband eine ganz persönliche Beziehung mit der Kastanie, mit und unter der sie aufwuchs. Auch die Bewohner und Mitarbeiter des Niels Stensen Hauses nahmen 2010 schweren Herzens Abschied von dem großen Baum. Umso größer war die Freude, dass die Kastanie nun zurückkehrte. "Wir waren sehr froh, dass die Kastanie hier einen neuen Platz gefunden hat und nicht zu Feuerholz wurde", freuten sich Adeline Kück und Roswitha Stelljes. "Ein Stück des alten Baumes will zurück zu Euch", sagte Ortwin Musall, als er Adeline Kück und Roswitha Stelljes eine kleine Skulptur aus Kastanienholz überreichte.

Quelle: Wümme Zeitung, 29. August 2011 

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