100 Tage Freie Schule: Schüler bringen Trecker, Kuscheltiere und Schriftzeichen als Themen in den Unterricht ein

Lilienthal-Worphausen. "Was, schon 100 Tage?" Das müssen die Schüler der Freien Schule Moorende erstmal überprüfen. Von den Sommerferien bis Weihnachten, abzüglich Herbstferien und Wochenenden - das sollen wirklich schon die ersten 100 Schultage gewesen sein? Stimmt nicht ganz, wenden sie ein. Sie gucken genau hin, das wird schnell klar. Und sie haben ihre Regeln, die ihnen wichtig sind. Da kann man sich mit kleinen Ungenauigkeiten nicht einfach durchmogeln.

 

Dennoch haben die zwölf Schülerinnen und Schüler, die den Witterungsverhältnissen und den jahreszeitlich typischen Erkältungskrankheiten trotzen, Lust, mit dem "Mann von der Zeitung" über die erste Zeit in ihrer neuen Schule zu reden. Nicht Initiatoren, Eltern oder Lehrer haben das Sagen, sondern die Kinder selbst, und das bildet durchaus den Schulalltag ab.

Zunächst ist nämlich Morgenkreis, das Hauptthema lautet Arbeitsplanung. Schüler und Lehrer sitzen auf bunten Kissen im Kreis, wobei kleinere Untergruppen entstehen. Es ist Montagmorgen, da gibt es wie an jeder anderen Schule auch viel zu erzählen, und es dauert ein Weilchen, bis sich wieder alle an den Schulalltag gewöhnt haben. Die beiden Lehrkräfte geben den Kindern diese Zeit, sie sitzen einfach mit im Kreis und warten, dass allmählich Ruhe einkehrt. Schließlich ergreift Bennett Bergmann das Wort. Er leitet in dieser Woche die Versammlung - eine Aufgabe die reihum allen Schülern zufällt.

Jeder, der etwas zu erzählen hat, kann dies jetzt tun. Der neue Otto-Film, die spektakulärsten Stürze beim Rodeln oder der mal wieder nicht von Erfolg gekrönte Besuch im Weser Stadion - die Themen sind dieselben wie vermutlich auf jedem anderen Schulhof auch, nur dass sie hier Teil des Unterrichts sind. Die Wortmeldungen gehen mit einem, zwei oder drei gehobenen Fingern ein, die Prioritäten sind klar: "Drei geht vor zwei!" Melden müssen sich alle, die etwas sagen wollen, ob Lehrer oder Schüler spielt dabei keine Rolle.

Mit einem energischen "Hiermit ist das Thema abgeschlossen!" wechselt Bennett zum nächsten Punkt. Neue Projekte, an denen die Schüler arbeiten wollen, werden vorgestellt. Das können Weihnachtsgeschenke für die Kuscheltiere sein, aber auch naturwissenschaftliche oder andere Aufgaben. Für ein paar Schüler steht aber zunächst das Pressegespräch auf dem Stundenplan. Sie berichten, wie es ihnen an der Schule, die erst zu diesem Schuljahr mit ihrem reformpädagogischen Konzept den Betrieb aufnahm, geht.

Bennett, der auch Schulsprecher ist, schätzt die Freiheit, die ihm diese Schulform bietet. Ihm gefällt vor allem, dass jeder Leitungsaufgaben zu übernehmen hat. Aber es gibt keinen Zwang dabei. Schulleiter Thomas Haase sieht das noch junge Projekt auf einem guten Weg: "Wir sind dabei, immer mehr Verantwortung abzugeben. Dieser Prozess ist noch am Anfang, aber wir sind zufrieden, mit dem was wir bisher erreicht haben."

Schüler organisieren Projekte

Das kann Helen Ott für sich so nicht bestätigen: "Mir machen die anderen manchmal zu viel Quatsch, wenn ich eigentlich etwas lernen will. Wenn dann alle spielen, mache ich natürlich auch mit." Die Ansprüche in der Lerngruppe, die Kinder vom ersten bis zum dritten Schuljahr bilden, sind natürlich unterschiedlich, aber diese Heterogenität belebt den Schulalltag. Seine Mitschüler mit einem spannenden Projekt zu begeistern, sein Fachwissen - beispielsweise über Trecker - so einzubringen, dass selbst die Lehrer staunen, all das hat in den ersten 100 Tagen schon gut funktioniert.

Arian Rico Schweter ist dabei ein Bauernhofprojekt in bester Erinnerung geblieben. Dafür mussten die Schüler sich informieren, nahmen Bücher oder das Internet zur Hilfe. Wer schon etwas lesen kann, berichtet den anderen. Schreibaufgaben fallen dabei natürlich ebenso an wie Rechenaufgaben - quasi nebenbei. Folgen soll noch ein praktischer Teil mit einem Besuch auf einem Bauernhof. Das zu organisieren steht allerdings noch aus - es ist Aufgabe der Schüler. Aber der Drang, Dinge selber machen zu wollen, der ist spürbar groß.

Wie das soziale Miteinander funktioniert, bei dem keinesfalls immer nur die Kleineren von den Großen profitieren, zeigt ausgerechnet der jüngste Schüler. Yo-Ru Chens Familie stammt aus Taiwan, und er wächst dreisprachig auf. Fehlt Lehrern oder Mitschülern eine englische Vokabel bei einem Lied, fragen sie ihn. Der Sechsjährige kann nicht nur fließend Deutsch, Englisch und Chinesisch sprechen, er beherrscht auch die Schriftzeichen aus seiner Heimat. Wenn er beginnt, sich den Block des "Zeitungsmannes" zueigen zu machen und mit großer Akribie und Konzentration Schriftzeichen hinein zu malen, dann ist ihm die volle Aufmerksamkeit seiner Schulkameraden gewiss. Das ist einfach zu spannend, da muss niemand extra dafür sorgen, dass die Mitschüler auch zuhören und -gucken.

Pädagogen und Elternvertreter veranstalten am Mittwoch, 19. Januar, um 19 Uhr einen Informationsabend in der freien Schule, Moorender Straße 8a. Weitere Informationen stehen im Internet unter www.freie-schule-worpswede.de bereit.

Telefonisch ist die Schule unter 04208/9159890 zu erreichen.

Quelle: Wümme Zeitung, 08. Januar 2011 

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