Mit japanischer Mode wurde ein Bremer Paar vor kurzem Mitglied bei den Oll‘n Handwarkers in Worphausen

Sie heißen "Lolita" und "Kodona" und sind genaugenommen die jüngsten Kinder bei den Oll’n Handwarkers aus Worphausen. Katharina und Marcel Kastian aus Bremen haben die beiden Vertreter japanischer Mode im Gepäck gehabt, als sie vor Kurzem in den Worphauser Verein eintraten. Ein wenig geschneiderte Exotik aus Fernost für die Handwerks-Bewahrer aus Lilienthal.

 

Wenn Katharina Kastian in ihrem Wohnzimmer an der Nähmaschine sitzt, dann vergisst sie die Zeit. Die Schwachhauserin und ihr Mann Marcel sind seit kurzem Mitglieder der Oll’n Handwarkers aus Worphausen – mit 'Lolita'- und 'Kodona'-Mode, einem Stil aus dem fernen Japan. FOTO: ZEIDLERLilienthal·Bremen. Wenn Katharina und Marcel Kastian im April 2013 bei der Gewerkeschau der Oll‘n Handwarkers auf dem Lilienhof ihre Nähmaschine aufbauen, werden sie gerade von der Hochzeitsreise aus Japan zurück sein. Dann werden sie durch das Tokioter Nähviertel geschlendert sein und ein paar Accessoires von dort vielleicht auch in Worphausen zeigen. Die jüngsten Vereinsmitglieder der Handwarkers kultivieren nämlich die japanische Moderichtung "Lolita": eine Mischung aus barocken Formen und Elementen der 50er-Jahre. Japan sei eben mehr als Manga und Anime, und "Lolita" ist für das Paar obendrein ein Stück Lebensphilosophie.

"So häufig es geht" tauscht Katharina Kastian ihre Jeans gegen die eigenen Kleider und Röcke – wenn sie einmal im Monat ihre Bremer Lolita-Freundinnen trifft, mit ihnen ins Theater oder ins Kino geht oder einfach zum Shoppen. Dann verwandelt sich die 23-Jährige in ein Gesamtkunstwerk. "Lolita" meint nicht nur weite Röcke, Petticoats oder Reifröcke: Von Kopf bis zur Handtasche muss alles stimmen.

An diesem Nachmittag trägt Kastian zum klein gemusterten Rock eine weiße Bluse mit spitzengefasstem Bubikragen und Kniestrümpfe. "Strümpfe, Socken oder gemusterte Strumpfhosen gehören immer zu Lolita, genau wie die passenden Schuhe", erklärt sie. Nur mit runder Kuppe! "Spitze Schuhe gelten als unelegant." Und nicht zu vergessen der Haarschmuck: Katharina Kastian hat einen Haarreifen mit Schleife gewählt, in beige.

Das Wohnzimmer ist Atelier

Ihr Wohnzimmer in Schwachhausen gleicht mehr einem Atelier, denn einem Ort zum Nichtstun und Entspannen. Auf dem Ecksofa liegen gewöhnlich Stoffstücke. Direkt neben der Tür hängen auf einem Kleiderständer Kastians Kreationen. Vor dem Computer liegt die Schere auf dem Schreibtisch, und zwei Schritte weiter steht der Nähtisch. Oft rattern darauf zwei Maschinen. Ehemann Marcel schneidert gerne mit. Und neben dem Küchentresen steht das Bügelbrett. Das ist das Reich von "Starpirates". So heißt Katharina Kastians Online-Shop für ihre maßgefertigte Mode. "Das passt", meint sie lächelnd. Das Wort "Sternenpiraten" vermittele etwas Träumerisches, und Kastians Kleider gleichen Stoff gewordenen Träumen. Mädchenträumen. Aber nicht in Rosa. Sie bevorzugt elegante Farben wie Bordeaux oder Dunkelblau.

Ihren Anfang nehmen die Stücke in Katharina Kastians Fantasie. Sie holt einen Skizzen-Stapel heraus: Bleistiftzeichnungen von Schnürcorsagen, von Kleidern mit üppigen Röcken und Volants, von Blusen mit Puffärmeln und mit Borten besetzt. Sie schneidere am liebsten Röcke in barocker Glockenform, erklärt die Schwachhauserin, und ihre Hände zeichnen die Form in der Luft nach. Lächelnd erzählt sie, dass in der ganzen Wohnung in den Schubladen Bleistifte und Zettel liegen. Kommt ihr eine Idee in den Sinn, muss sie sie sofort festhalten. Es gab sogar schon Entwürfe auf Kassenzetteln.

Anschließend sucht die Freizeit-Designerin die passenden Stoffe in Bremer Läden. Nur: Gute Kurzwaren zu bekommen, werde immer schwieriger, klagt Katharina Kastian leise. Und teuer seien die auch. Ein Knopf auf einem Prachtkleid koste schnell fünf Euro. Ein Euro pro Meter Spitze klingt zwar günstig, ist es aber nicht mehr, wenn sie 20 Meter für ein Kleid benötigt.

Die Schnittmuster entwirft Katharina Kastian ebenfalls selber. "Das ist nicht immer leicht." Die Schleife wippt sachte auf den dunklen Haaren, als sie davon berichtet, wie sie im zweiten kleine Modelle näht – so groß wie die Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger.

Wenn Kastian später bis tief in die Nacht hinein näht, vergisst sie die Zeit. "Das ist für mich Abschalten nach der Arbeit." Abschalten vom Hämmern, Drehen, Fräsen und Bohren. Die Bremerin ist angehende Industriemechanikerin. Man weiß ja nie, was das Leben noch bringt.

Das Nähen hat Katharina Kastian sich selbst beigebracht. Mit 14 Jahren schneiderte sie schon Theaterkostüme. Als sie 17 war, entdeckte sie den Lolita-Stil, fand ihn aber noch nicht so spannend. "Übergesprungen ist das vor zwei Jahren." Seitdem näht sie ihre Kleider meistens selber. Eine Alternative, die Geld spart. Lolita-Kleider aus Japan sind nicht günstig. Als Sammlerstücke können sie einige Hundert Euro kosten. Doch auch die eigenen Kreationen haben es in sich: ihr Brautkleid etwa. Sieben Meter Stoff und reichlich Borte brauchte sie für das Kleid, in dem sie im vergangenen Sommer auf dem Lilienhof heiratete.

Das Fest wurde nicht nur zum Anfang ihrer Ehe. Das Paar erfuhr bei dieser Gelegenheit von den Oll‘n Handwarkers. Kastians traten dem Verein bei. Auch, wenn sie einen japanischen Modestil nähen. Schneidern sei ja trotzdem ein altes Handwerk, begründet sie. Und: "Es ist nicht verkehrt, ein bisschen neuen Wind reinzubringen."

Kaum weniger stoffintensiv wie ihr Brautkleid hängen die anderen Lolita-Kleider auf der Stange. Etwa ein rotes mit samtiger Oberfläche. Viereinhalb Meter Stoff und mehr als zehn Meter Borte stecken darin. Trägt sie dieses Kleid, tauscht Kastians die Brille gegen Kontaktlinsen und setzt eine Perücke auf. Wie eine Puppe mutet sie dann an. Geht sie so auf die Straße, hört sie von Kindern öfter: "Da läuft eine Prinzessin." Erwachsene begegnen ihr neugierig, fragen auch schon mal, ob sie einer Tanzgruppe angehöre. Andere ätzen: "Voll peinlich." Mit ihren Bremer Freundinnen hat sie das erlebt, und auch aus der Internet-Community weiß sie: Als "Lolita" wird man angestarrt. Ein Lächeln huscht über Kastians Gesicht. "Solche Sachen tragen eher die Selbstbewussten." Für Katharina Kastian ist "Lolita" ein Kleidungsstil, in dem sie sich wohl fühlt. Eigentlich nicht viel anders als in einer Jeans. Dann hält sie kurz inne: "Vielleicht fühlt man sich noch ein bisschen hübscher." Zudem setze die Kleidung ein Signal: "Man möchte individuell sein und nicht wie jeder andere." Als abschreckendes Beispiel erzählt Kastian von einem Pullover. Den hatte sie bei einer großen Bekleidungskette gekauft – und war diesem Modell binnen weniger Stunden fünfmal begegnet.

Sie will jungen Frauen zeigen: "Ihr müsst nicht das anziehen, was die Läden euch vorgeben." Das gilt aus Sicht von Marcel Kastian übrigens auch für Männer. Da heißt der Stil "Kodona" und ist nicht minder elegant mit seinen Schwalbenschwanz-Jacketts, Spitzen verzierten Armaufschlägen und Jabot-Hemden. Gerade von der Arbeit gekommen, schlüpft Marcel Kastian in seines hinein. Ein Geschenk seiner Frau. Die erzählt derweil noch, dass sie irgendwann gerne einen eigenen kleinen Laden hätte. Nicht nur in der virtuellen Welt. Ob das klappt, weiß sie nicht. Die Haarschleife wippt wieder. "Man kann ja träumen."

Quelle: Wümme-Zeitung, 28. Dezember 2012

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