Offener Brief mit massiver Kritik / Gemeinde: Vorwurf völlig unbegründet / Heute Thema im Fachausschuss

Haben die kleinen Dorfschulen in Seebergen, Worphausen und Frankenburg noch eine Zukunft? Eltern und andere Bürger fürchten um die Schule im Dorf. Sie haben einen Offenen Brief an alle Mitglieder des Schulausschusses geschrieben. Die treffen sich heute um 18 Uhr erneut im Sitzungssaal des Rathauses. Es geht um die Zukunft der Lilienthaler Grundschulen. Die Eltern fürchten, dass die Untersuchung aller sechs Standorte durch die Bonner Projektgruppe Bildung und Region (Biregio) auf Schulschließungen hinausläuft.

Die Projektgruppe Bildung und Region agiert bundesweit. Ihre Mitarbeiter haben Erfahrung mit Schulentwicklungsplänen. In Lilienthal haben sie alle sechs Grundschulstandorte untersucht, sich die Schulen angesehen und mit den Leiterinnen gesprochen. Ihre Bestandsaufnahme enthält eine Fülle von Daten und Fakten, von den Schülerzahlen über Raumgrößen bis hin zu Betriebskosten und Sanierungsaufwand. Im Oktober hat der Schulentwickler Wolf Krämer-Mandeau Ergebnisse der Untersuchung und Schlussfolgerungen daraus im Schulausschuss präsentiert (wir berichteten). Vieles sei möglich, meinte der Biregio-Experte. Es gebe etliche Alternativen. Nur eines sei nicht möglich: Weiter zu machen wie bisher. Der Status Quo sei „pädagogisch nicht zukunftsfähig“ – und zudem noch ungemein teuer.

Die Aussagen des Bonner Schulentwicklers beunruhigten Elternsprecher in Seebergen, Worphausen und Frankenburg zutiefst. Sie seien „hochgradig irritiert“ über die Begutachtung der Lilienthaler Schulen durch Biregio, schreiben Eltern und Schulvereinsmitglieder in einem Offenen Brief an alle Mitglieder des Schulausschusses. Es gebe „keinerlei pädagogische Gründe“, die gegen den Erhalt von kleinen Dorfschulen sprächen. Nationale und internationale Studien belegten, dass der Bildungserfolg weitgehend unabhängig von der Klassengröße sei. Ebenso fehlten in dem Gutachten betriebswirtschaftliche Gründe, die gegen den Erhalt der kleinen Dorfschulen sprächen, monieren die Eltern.

Vielmehr habe die erste Präsentation von Biregio gezeigt, „dass Lilienthal bis auf den Zustand der Gebäude eine intakte Schullandschaft hat, die nicht nur gute Schüler hervorbringt, sondern auch eine relativ hohe Elternzufriedenheit generiert“. Unterzeichnet haben den Offenen Brief Elternvertreter von Grundschulen und Kindergärten in Seebergen, Worphausen und Frankenburg sowie Uta Murken-Gieschen als Vorsitzende des Schulvereins in Frankenburg und Peter Schneider als Vorsitzender des Vereins „Seeberger für Schule und Kindergarten“.

Die Elternvertreter zweifeln an der Seriosität der Untersuchung. Biregio sei für einseitige Gutachten zu Gunsten großer Neubauten bekannt, die Firma biete auch Baubegleitungen an. Das standardisierte Konzept der Bonner werde den Gegebenheiten einer Flächengemeinde wie Lilienthal nicht gerecht. Jürgen Weinert, Fachbereichsleiter im Rathaus, findet die Vorwürfe „völlig unberechtigt“. Auf keinen Fall könne man Biregio Einseitigkeit unterstellen. „Den Vorwurf, dass keine Neutralität vorhanden sei, weise ich aus der Sicht der Verwaltung entschieden zurück.“

Der Grüne Peter Gerds, Ratsherr und Mitglied im Schulausschuss, teilt die Kritik der Eltern. „Wir müssen eine gründliche Diskussion über die Ergebnisse des Gutachtens und über die Seriosität von Biregio führen“, glaubt der Wissenschaftler, der in Seebergen lebt. „Hier handelt es sich um ein standardisiertes Verfahren, das hundertfach angewendet wurde und unabhängig von Lilienthaler Besonderheiten angewendet wird.“ Stets die gleichen Methoden, die gleichen Tabellen, die gleichen Textbänder. „Das ist ein Routineverfahren, wo das Ergebnis weitgehend festgelegt wird durch die Methoden und das Verfahren.“

Die Politiker hätten sich für Biregio entschieden, nicht die Verwaltung, betont Fachbereichsleiter Weinert. Drei Firmen hätten sich im Schulausschuss vorgestellt, zwei seien nach der Empfehlung der Politiker aufgefordert worden, ihre Angebote abzugeben. Am Ende habe Biregio den Zuschlag erhalten: „Ein völlig neutrales Verfahren.“ Der Ausschuss hätte ja auch ein anderes Büro wählen können.

Heute Abend werden die Bonner Schulentwickler weitere Zwischenergebnisse präsentieren und mehrere Alternativen vorschlagen, die näher untersucht werden könnten. Doch die Entscheidung treffen die Politiker. „An der Stelle sind wir frei zu sagen: Wir möchten auch die Varianten X und Y untersucht haben“, sagt die Vorsitzende des Schulausschusses, Erika Simon. „Der Ausschuss ist Herr des Verfahrens.“

Dass Biregio die Variante, alle Grundschulen zu erhalten, schon verworfen habe, gehe so nicht, sagt Simon. „Wir sollten diese Variante gründlich untersuchen lassen. Ich bin gespannt, was dabei herauskommt.“ In den Dörfern werde der Erhalt aller Schulen vehement gefordert, daher müssten Vor- und Nachteile einer Optimierung aller Standorte untersucht werden.

Erika Simon kann die Eltern verstehen. Da sei „ganz viel Herzblut“ im Spiel, sagt die Ausschussvorsitzende. „Aber wir müssen sehen, dass wir eine gute Lösung für ganz Lilienthal finden.“ Das Thema berge viel Konfliktstoff. Ihr sei daran gelegen, sachlich mit dem Problem umzugehen und gründlich abzuwägen, um dann zu einer fundierten Entscheidung zu kommen.

Sondersitzung im Dezember?

Heute schlagen die Biregio-Experten mehrere Alternativen vor, mit und ohne Schulschließungen. Denkbar ist in ihren Augen auch, die kleinen Dorfschulen als Außenstellen der größeren Grundschulen im Ortskern weiter zu führen. Erika Simon hat eine Sondersitzung des Schulausschusses im Dezember beantragt. Dann soll der Ausschuss entscheiden, welche Varianten detailliert untersucht werden.

 

Quelle: Wümme-Zeitung, 30. November 2014

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