Eheleute Erika und Knut Bortfeldt würdigen mit einer Ausstellung in ihrem alten Fachwerkhaus die „Erzähl-Keramikerin“ Heide Weichberger



Vom Redakteur
Peter Erdmann

Lillienthal-Worphausen. Dr. Knut Bortfeldt lief noch wenige Minuten vor der Vernissage mit Hammer und Nägeln durch sein 230 Jahre altes Fachwerkgebäude. Denn einige der zahlreichen Gäste hatten erst jetzt die Leihgaben zur Ausstellung für die wiederentdeckte Worpsweder Keramikerin Heide Weichberger (1922 bis 1980) dabei: Schnell musste entweder in der Diele oder im zur Galerie umfunktionierten Wohnzimmer ein Platz für eine farbenfrohe Bildkachel aus Ton gefunden werden.


Die Eröffnung fand am Sonnabendnachmittag nämlich in Weichbergers ehemaligem Westerweder Wohn- und Atelierhaus statt. Darin leben seit 22 Jahren die Bortfeldts und kommen seither tagtäglich mit dem Kunsthandwerk ihrer Vorbewohnerin in Berührung – sogar im Badezimmer erinnern einige Bodenfliesen an sie.

Großes Publikumsinteresse

Während der Ehemann letzte Hand anlegte, versuchte Gastgeberin Erika von Hodenberg-Bortfeldt, die mit ihrem Partner auch die überaus interessante Biografie über die Worpsweder Künstlerin schrieb, dem Ansturm Herr zu werden. Denn das Publikumsinteresse an der Retrospektive zum 80. Geburtstag einer nur wenige Jahre nach ihrem Tod bereits in Vergessenheit geratenen ungewöhnlichen und starken Frau mit einer ungewöhnlichen Lebensgeschichte, wie es die junge Doktorandin der Kunstgeschichte, Stefanie Beckröge, dann treffend formulierte, war auf dem Grundstück direkt an der Gemeindegrenze von Lilienthal zu Worpswede schon enorm.
Unter den Besuchern waren neben vielen Freunden, Wegbegleitern und einfach nur Neugierigen auch die Schwester der Künstlerin, Hella Delderfield aus London, sowie natürlich die beiden Söhne Heide Weichbergers und die Lebensgefährtin von Johannes Schenk, die Malerin Natascha Ungeheuer, die 1972 gemeinsam mit der Mutter ihres Freundes in der Kunsthalle Friedrich Netzel eine viel beachtete Ausstellung hatte. Ihr dritter Sohn, der Zeichner Tobias Weichberger, nahm sich vor einigen Jahren das Leben. Verheiratet war die Tochter der Bremer Lebensmittelgroßhändler Irene und Dietrich Flügger mit dem Schriftsteller Gustav Schenk und mit Klaus Weichberger. Die Präsentation genau an der Stätte, an der die überaus produktive und in Kollegenkreisen sehr beliebte Worpsweder Künstlerin von 1967 bis 1978 wirkte, umfasst insgesamt 63 Arbeiten und ist damit schon ein exemplarischer Querschnitt: von Gemälden im Tetjus-Tügel-Stil aus der Jugend- und Kunststudentinnenzeit über großformatige
Wandbilder und Reliefs zu religiösen, mythologischen, aber auch alltäglichen Themen bis hin zur Gebrauchskeramik sowie Tierfiguren, Madonnen und Puppen.

Aufbruchstimmung

Im Vorwort zum Katalog, der während der Ausstellung, die bis zum 14. September außer montags täglich von 14 bis 18 Uhr zu besuchen ist, schreibt die Worpsweder Bildhauerin Almut Rabenstein über das Vorbild: „Die verschiedenen Ton-Reliefs an den Wänden, auf denen farbenfroh Tiere gestaltet waren, verströmten Fröhlichkeit.“ Stefanie Beckröge zufolge spiegelt bereits das Frühwerk Weichbergers in der schwierigen Nachkriegszeit die Aufbruchstimmung der Menschen nach Fröhlichem, Bunten, nach Unbeschwerten wider. „Schon die frühen Leuchter und Schalen zeigen jene farbenfrohe, positive Bemalung, die auch später ihre Arbeiten auszeichnen wird.“
Die Kunsthistorikerin vergleicht die E-Mail-Technik Heide Weichbergers, den so genannten Zellenschmelz, mit der der französischen Künstlergruppe Nabis um die Jahrhundertwende sowie etwas später auch bei Kandinsky, Münter, Jawlensky und Werefkin. Die religiösen Motive erinnerten zudem in ihrer Flächigkeit und durch den monochromen goldfarbenen Hintergrund stark an mittelalterliche Ikonen, die auch immer wieder Künstler der Moderne beeinflusst hätten. Knut Bortfeldt schließlich charakterisiert die Künstlerin als „Ton-Malerin“, die mit ihren Arbeiten Geschichten erzählt: Sie vermag die kindliche Seele, die in uns allen ist, zu rühren.

Quelle: Wümme Zeitung, 19. August 2002

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