Kinder- und Jugendgruppe der Worphüser Heimotfrünn hat Spaß beim niederdeutschen Basteln und Butschern

Lilienthal. Töpfern, singen, Theater spielen, durch die Natur streifen: einmal im Monat erleben die Kinder auf dem Worphauser Lilienthof kreative und spannende Nachmittage. Die beiden Leiterinnen Andrea Schwarz und Heike Brüning (Hinten, von Links) begleiten ALLNS OP PLATT.Das Angebot ist verlockend. So verlockend, dass die Kinder und Jugendlichen es seit dem Frühjahr nicht versäumen wollen, sich einmal im Monat auf dem Worphauser Lilienhof zu treffen. Wie an diesem Nachmittag. Munter sitzen sie um den alten Holztisch herum und sind gespannt, was Heike Brüning und Andrea Schwarz dieses Mal mit ihnen vorhaben. „Beim letzten Mal haben wir getöpfert“, erzählen ein paar Mädchen. Jetzt liegen all die fertig gebrannten und bunt lasierten Teller, Becher und Kerzenhalter vor ihnen auf dem Tisch und können mit nach Hause genommen werden. Die Liste der Aktivitäten ist lang. Sie reicht von Theater spielen über Schatzsuche bis Kochen und Backen. Nur, dass das für die Kinder und Jugendlichen etwas anders klingt. Für sie stehen „Theoterspeel, Schatzsöök, Koken un Backen“ auf dem Programm. Ihre Lilienhof-Nachmittage haben nämlich noch eine besondere Note: Die beiden Leiterinnen von de Worphüser Heimotfrünn sprechen mit de Kinners nur Platt.

Heike Brüning und Andrea Schwarz sind Grundschullehrerinnen. Die eine in Kuhstedt, die andere in Lilienthal-Falkenberg. Beiden liegt der Erhalt der niederdeutschen Sprache am Herzen. Deshalb engagieren sie sich auch in ihrer Freizeit dafür. In ihren Schulen hat Platt einen festen Platz. Heike Brüning hat es erreicht, dass die Grundschule Kuhstedt sich „Plattdeutsche Schule“ nennen darf. Schwarz hat dies für ihre Schule auch beantragt. Wenn es grünes Licht gibt, dann werden die Falkenberger Grundschüler künftig auch im Kunst- und Sportunterricht den plattdeutschen Klang im Ohr haben. Die Lehrerin spricht mit ihnen auf Plattdeutsch, die Kinder können auf Hochdeutsch antworten. So ist es auch an den Nachmittagen auf dem Lilienhof. Den beiden Leiterinnen schlüpft kein hochdeutsches Wort durch die Lippen, wenn sie mit der „plattdütschen Kinner- un Jugendgrupp bi de Heimotfrünn“ basteln, spielen oder wie an diesem Nachmittag ein kleines Szenenspiel einstudieren. Die Kinder wollen es bei der Weihnachtsfeier der Heimotfrünn aufführen. Schon übers Hören, wissen die beiden Lehrerinnen, lernen die Kinder eine Menge.
Tatsächlich verstehen sie alles, was Heike Brüning und Andrea Schwarz sagen. Nur mit den spontanen plattdeutschen Antworten halten sie sich noch zurück. „Sie trauen sich nicht, und sie sind es nicht gewohnt“, weiß Heike Brüning. „Wahrscheinlich haben sie auch zu wenig Wortschatz.“ Aber etwas hat sich seit dem Start der Gruppe schon verändert. Beim ersten mal haben manche Kinder noch über das Plattdeutsch gekichert, erinnert sich Andrea Schwarz. „Aber jetzt ist es ganz natürlich, dass wir Plattdeutsch sprechen. Manche antworten auch auf Platt.“ Die Gruppenleiterin selbst ist für die Gruppe das beste Beispiel. Wenn Andrea Schwarz Platt schnackt, dann macht sie das, als sei sie mit der niederdeutschen Sprache aufgewachsen und wie Heike Brüning nativ Platt-Speaker. Aber weit gefehlt, sagt Andra Schwarz und lacht. „Ich komme aus Bayern.“ Was sie aber nicht davon abgehalten hat, sich sprachlich tief in den Norden hineinzuknien. Nachhilfe gab‘s von der Nachbarin, einer Plattdütschen, mit der Andrea Schwarz munter über dit un dat plaudern konnte, bis es ihr fast selbst in Fleisch und Blut überging. Inzwischen ist sie niedersachsenweite Fachberaterin für Plattdeutsch und organisiert für andere Pädagogen Plattdeutsch-Fortbildungen.
„Wo wöör dat, wenn Jesus vondaag to Eer kööm?“, fragt Andrea Schwarz und möchte wissen, was die Kinder ihm schenken würden. Lange müssen die Mädchen und Jungen nicht überlegen. Rassel, Schnuller, Windeln, was zum Spielen, was zum Anziehen – die Antworten purzeln nur so. Aus all diesen Geschenk-Ideen ein kleines Theaterstück stricken, das wollen die Kinder aber nicht. Ihnen ist es lieber, den Text einzustudieren, den die beiden Leiterinnen mitgebracht haben. „Ik giv em wat vun mien Taschengeld af“, heißt es da oder „Ik schenk dat Kind miene Popp“. Die jüngste Teilnehmerin an diesem Nachmittag – sie ist erst gut drei Jahre alt - lässt bunte Stifte über ein Blatt Papier tanzen. Das Bild bauen die beiden Leiterinnen spontan ins Theaterstück mit ein. „Dat is Klaras Geschenk.“ Die Eltern der Lütten freuen sich. „Ich bin Ur-Lilienthaler“, erzählt der Vater, Nico Richter-von Zobeltitz. Sein Großvater und auch sein Vater hätten oft Plattdeutsch gesprochen. „Wenn die Sprache nicht verloren gehen soll“, findet er, „muss man sie pflegen.“ Das ist nicht der einzige Grund, weshalb das Ehepaar mit der Tochter zur Kindergruppe gekommen ist. „Wir haben im September auf dem Lilienhof geheiratet und uns in dieses Gebäude verliebt“, erzählt Claudia von Zobeltitz. Besonders stimmungsvoll fand das Ehepaar auch den Laternenumzug durch die Wiesen, den die Gruppe unternommen hatte. „Wir achten darauf, ein Programm anzubieten, das zu den Jahreszeiten passt“, sagt Heike Brüning. Sie freut sich, dass die Zahl der Kinder, die einmal im Monat kommen, kontinuierlich zwischen zehn und 15 liegt. Es freut sie auch für den Verein. „Es ist dringend nötig, die Heimotfrünn zu verjüngen.“ Auch deshalb hatte die Worphauserin Lust, zusammen mit Andrea Schwarz eine aktive Kinder- und Jugendgruppe zu gründen. Eingebettet ins Kulturgut der Region, an deren Erhalt ihr sehr gelegen ist. „Die Geschichte des Moores, die plattdeutsche Sprache“ – darauf fuße doch das Leben im Dorf. Wenn die Kinder und Jugendlichen sich auf der alten Diele treffen, dann nehmen sie von all dem auch immer einen Hauch für sich mit. Das Feedback, das die Frauen von den Mädchen und Jungen gelegentlich bekommen, bestätigt sie. „Ich höre immer wieder, dass den Kindern die Rituale zu Beginn und zum Ende so gut gefallen.“ Es gibt ein plattdeutsches Begrüßungslied und gute Wünsche zum Abschied.
Durch die Sprossenfenster der Diele des alten Bauernhauses schimmert die späte Nachmittagssonne. Am Tisch neben der Feuerstelle sind die Rollen verteilt. Alle haben einen Satz, den sie bis zur Weihnachtsfeier auswendig lernen. Die beiden Leiterinnen schlagen eine kleine Probe vor. „Ik bring em een lütt Licht“, sagt ein Mädchen, „Ik speel mit em Mensch-arger-di-nich“, kündigt ein anderes Kind an. „Ik lüster em to, ganz still.“ Weil sie den Einfall so schön fanden, bauen die beiden Frauen noch den Satz „Ik bring em een Schnuller“ mit ein. „Tjark, hest du een Schnuller in‘t Huus?“, fragt Heike Brüning einen Jungen. Hett he. Wunnerbar, freuen sich die Leiterinnen. „Denn bring den mal mit“, schlagen sie vor. „Un Lina, kannst du een Popp mitbringen? De kregst du ok woller.“ Als alle mitzubringenden Requisiten verteilt sind, studieren sie noch ein plattdeutsches Nikolausgedicht ein und singen „Alle Jahre wieder“ op Platt. Dann sind die anderthalb Stunden um. Ab Januar treffen sie sich wieder. Dann nicht mehr am ersten Sonntag, sondern am ersten Mittwoch im Monat von 16.30 bis 18 Uhr. Erstes Treffen im neuen Jahr ist am 10. Januar. „Unser Thema heißt dann ,Vögel im Winter‘“, kündigt Heike Brüning an. „Wir wollen Vogelfutter herstellen.“ Vielleicht, ergänzt ihre Kollegin, „können wird dabei auch ein kleines plattdeutsches Erklär-Video drehen“.
„„Wenn die Sprache nicht verloren gehen soll, muss man sie pflegen.“
Nico Richter-von Zobeltitz

Quelle: Wümme-Zeitung, 13. November 2017

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