(Hinweis der Administratoren: Auch wenn dieses Thema kontrovers behandelt wird und viele unterschiedliche Meinungen kursieren, stellen wir diesen Artikel zwecks geschichtlichem Zusammenhang mit Worphausen zur Dokumentation hier ein. Namen haben wir entfernt.) 

Alten Eichen gegen Rechts

Was tun, wenn der Nachbar stramm rechts ist, sich aber rechtlich nichts zu Schulden kommen lässt? Vor dieser Frage stehen die Anwohner der Worphauser Straße Alte Eichen. Ihre Antwort: bunter feiern.

Was tun, wenn der Nachbar stramm rechts ist, sich aber rein rechtlich nichts zu Schulden kommen lässt? Vor dieser Frage stehen die Anwohner der Straße Alte Eichen. Der Grat ist schmal, die Sensibilisierung hoch. Inmitten der Einfamilienhaus-Idylle in Worphausen lebt seit einiger Zeit ein Mann, der aus seiner Gesinnung keinen Hehl macht. xxxx X. ist nicht nur Mitglied der Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD), er hat für diese auch bei der Kommunalwahl 2006 für den Lilienthaler Rat kandidiert – als einziger NPD-Bewerber in der Gemeinde.

In der Kleinstraße, deren Namen ja durchaus urdeutschen Klischees entspricht, regt sich Widerstand. X., so die einhellige Meinung der Nachbarn, verhalte sich zwar unauffällig, es gebe keine Provokationen oder Auseinandersetzungen. Die wollen die anderen Anwohner auch nicht, aber einfach still und schweigend hinnehmen, dass sie Tür an Tür mit einem Menschen leben, dessen Weltbild und politische Überzeugungen sie entschieden ablehnen, ist für viele auch keine Option. Die NPD ist nach wie vor nicht verboten: Nachdem ein erster Versuch 2003 noch an zu vielen eingeschleusten V-Männern des Verfassungsschutzes scheiterte, lehnte das Bundesverfassungsgericht im Januar dieses Jahres den Verbotsantrag erneut ab. Zur Begründung hieß es laut Tagesschau.de: „Die NPD ist nach Ansicht des Gerichts zu bedeutungslos, um die freiheitlich-demokratische Grundordnung ernsthaft in Gefahr bringen zu können. Die Gesinnung der Partei und ihr Konzept der ,Volksgemeinschaft' seien zwar menschenverachtend, rassistisch und wesensverwandt mit der Ideologie das Nationalsozialismus. Doch dies allein reiche nicht aus.“ In Lilienthal erhielt sie 2016 1,5 Prozent der Wählerstimmen.

Nicht regelmäßig, aber immer mal wieder gab es Straßenfeste in der Siedlung Alte Eichen. Die meisten Nachbarn kennen sich gut, reden regelmäßig über den Gartenzaun miteinander und haben einen Blick auf das Haus nebenan, wenn die Bewohner mal längere Zeit nicht da sind. So wie man sich eben eine funktionierende Nachbarschaft vorstellt. Jeder lässt den anderen so sein, wie er ist, keiner verhält sich so, dass andere sich massiv gestört fühlen. Bis X. Ende Dezember 2014 einzog. Er habe das Haus von seinem Vater, den er in den letzten Lebensjahren pflegte, geerbt, berichtet einer der Nachbarn. Schon mit dem Senior sei der Kontakt nicht eng gewesen, er vertrat ähnliche politische Ansichten wie sein Sohn.

Gespräch abgesagt

Der wiederum bekomme regelmäßig Besuch von seinen Gesinnungsgenossen aus der Region. Ein weiterer Anwohner hat recherchiert, wer da so in seiner Straße auftaucht. Er erkannte Personen auf einem linken Internet-Plattform wieder. Das Forum hat sich zum Ziel gesetzt, Mitglieder der rechten Szene zu outen und Fotos von ihnen zusammen mit vollem Namen und Adressen zu benennen. Der Anwohner vermutet, in Alten Eichen werde ein neues braunes Netzwerk aufgebaut oder ein bereits bestehendes gepflegt. „Auch wenn sich X. bedeckt hält und gutbürgerlich gibt: Davon wollen wir uns deutlich abgrenzen“. Auch berichtet die Webseite, X. sei nicht nur einfaches Parteimitglied, sondern auch Funktionsträger als Beisitzer im bayerischen Landesvorstand gewesen.

Das bestätigt eine Eintragung im Facebook-Profil des NPD-Landesverbands Bayern vom 1. November 2014. Laut Abgeordnetenwatch trat der „technische Kaufmann“ auch 2009 zur Bundestagswahl im Wahlkreis Main-Spessart an, scheiterte aber mit 1,1 Prozent Stimmenanteil. Im Norden suchte er zunächst durchaus Anschluss zu seinen neuen Nachbarn, berichtet ein Anwohner. 2015 unternahm man gemeinsam mit X. eine Kohlfahrt. „Dabei wurde uns langsam klar, wessen Geistes Kind er ist.“ Den angebotenen Schnaps schlug er aus, später grüßte er X. nicht mehr auf der Straße. Der Entscheidungsprozess, sich so zu verhalten, sei ihm durchaus schwergefallen, ein wenig merkwürdig findet er das noch immer. „Mit einem AfD-Mann hätte ich den Dialog gesucht, mit der NPD nicht“, grenzt eine weitere Nachbarin klar ab, wie weit die Toleranz reicht.

Der Zuzog des Einen hat das Leben der Anderen in Alten Eichen verändert. Aber die Nachbarschaft sucht einen Weg, um sich aus der für sie beklemmenden Situation zu befreien. Sie wollen keine Negativ-Spirale in Gang setzen, auch nicht in den eigenen Köpfen. Sie positionieren sich klar gegen Rechts, aber vor allem wollen sie dem rückwärts gewandten, engstirnigen Denken etwas Positives entgegensetzen. So entstand die Idee zu einem etwas anderen Straßenfest: Nicht unter diesem Titel, sondern als Sommerfest mit Live-Musik, Grillbuffet und Kaffeebar sowie Live-Musik und auch nicht auf der Straße, mithin also auf öffentlichem Grund, sondern auf mehrere Privatgrundstücke verteilt. Zuvor hatten die Anwohner den Dialog mit dem Ordnungsamt der Gemeinde Lilienthal und auch mit der Polizei gesucht. Denn auch auf einem Privatgrundstück ist eine politische Veranstaltung genehmigungspflichtig, ebenso große Transparente. All das wollten die Anwohner nicht, sie wollten sich zu einem fröhlichen Fest treffen, bei dem sie sich eben auch über das heikle Thema austauschen können, genauso wie über andere.

Bunt und weltoffen wollen sie dem braunen Gedankengut entgegentreten. Auch dass in der ersten Fassung der Einladung der NPD-Mann mit vollem Namen genannt wurde, bemängelten die Ordnungshüter, also wurde sie geändert. Dass dabei nicht jeder Nachbar mitmacht, gehört allerdings auch zur Wahrheit. Einige befürchten Repressalien, haben Angst vorm Kratzer am Auto, wenn sie Flagge zeigen. X. selber will sich zu alledem nicht äußern. Ein zunächst vereinbartes Gespräch mit der Redaktion sagte er wieder ab, für ihn seien das „Privatangelegenheiten“ seiner Nachbarn.

Gemeinsam hat die Nachbarschaft Schilder entworfen und herstellen lassen. „Alten Eichen gegen Rechts“ steht drauf, und ein durchgestrichenes Hakenkreuz sollte zu sehen sein. Das Lilienthaler Ordnungsamt habe auch das Motiv genau geprüft. Hakenkreuze darf man nicht in der Öffentlichkeit zeigen, wohl auch nicht durchgestrichen, so die Rechtsauffassung der Behörde. Also haben sie darauf verzichtet. Acht Familien haben die Schilder an ihren Häusern angebracht und trotz des Slogans sagen sie: „Wir sind vielmehr für als gegen etwas!“ Ein Schild ist bereits abhanden gekommen – wie genau, ließ sich bislang nicht feststellen.

Quelle: Wümme-Zeitung, 13. August 2017

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