Land fördert Vorzeigeprojekt

Das Niels-Stensen-Haus öffnet sich für die Dorfbewohner: Ein Neubau soll nicht nur seniorengerechte Wohnungen schaffen, sondern auch Gemeinschaftserlebnisse.

Lilienthal. Noch ist das Café des Niels-Stensen-Hauses nicht geöffnet, doch es wirkt einladend. Das soll es auch sein, nicht nur für die Mitarbeiter und Bewohner des Hauses, in dem Menschen mit Behinderungen leben und arbeiten. Es wird auch den Worphausern offenstehen, die auf einen Klönschnack bei Kaffee und Kuchen vorbeikommen. Abschottung? Nein danke! Das Niels-Stensen-Haus öffnet sich der Dorfgemeinschaft immer mehr.

Die Feuerwehr übt längst auf der großen Wiese des weitläufigen Grundstücks, die Kinder vom Wurzelkindergarten erkunden das Gelände des Nachbarn Tag für Tag. Bald öffnet das Niels-Stensen-Haus weitere Türen für die Menschen im Dorf. Zwei neue Häuser sind geplant. In einem Gemeinschaftsraum könnte es dann Kochkurse und Konzerte, Lesungen und Volkshochschulkurse geben. Womöglich bieten auch noch ein Arzt und eine Apotheke stundenweise ihre Dienste an. Fest steht: Es wird ein Vorzeigeprojekt, weil es Menschen mit und ohne Behinderungen zusammenbringt.

Dem Land Niedersachsen ist das Vorhaben mit dem Titel „Inklusionsraum Worphausen“ viel Geld Wert. Am Mittwoch ist Birgit Honé, Staatssekretärin für Europaangelegenheiten der Landesregierung in Hannover, mit einem Bewilligungsbescheid über 500?000 Euro ins Café Niels gekommen. Das Geld stellt die EU bereit, aus dem Landwirtschaftsfonds Eler zur Förderung der ländlichen Räume. Doch es ist die Landesregierung in Hannover, die entscheidet, ob ein Projekt gefördert wird oder nicht.

Der Werkstattleiter Karsten Kahlert stellt das Konzept vor. Wenn alles klappt, könnte noch in diesem Jahr mit dem ersten Neubau begonnen werden. Es wird ein Haus mit Fahrstuhl und elf Wohnungen in zwei Etagen, alle barrierefrei und altersgerecht. Vier der elf Wohnungen sind für Menschen mit Behinderungen reserviert, die ambulant betreut werden. Der 50 Quadratmeter große Gemeinschaftsraum in der Mitte des Neubaus ist als Treffpunkt für die Bewohner und andere Bürger vorgesehen. Im zweiten Haus sind neben weiteren Wohnungen eine Physiotherapiepraxis und ein ambulanter Pflegedienst geplant. Beide sollen auch den Worphausern offenstehen, ebenso wie die Außenstellen einer Arztpraxis und einer Apotheke, auf die Kahlert hofft.

„Eine Wohnung ist noch frei“, erklärt er der Redaktion. „Alle anderen sind vergeben.“ Allerdings könnte die letzte Wohnung im ersten Haus, 85 Quadratmeter groß, auch in zwei Appartments gesplittet werden. Das könnte passen für Alleinerziehende. Berufstätige hätten die Kita gleich nebenan, die Grundschule in der Nähe und eine Bushaltestelle vor der Tür. Die Kinderbetreuung wäre inklusive. „Es ist ja immer jemand da“, sagt Kahlert. Und es wäre kein Fremder, der sich um das Kind kümmern würde. Die künftigen Bewohner suchen das Miteinander, das Gemeinschaftserlebnis.

„Für uns ist das ein Glücksfall“, sagt Hans Warneke (76) und meint damit sich und seinen 42-jährigen Sohn Timo, der im Johannishag in Ostersode lebt. Dort bietet die Stiftung Leben und Arbeiten Menschen mit Handicaps wie im Niels-Stensen-Haus ein betreutes Wohnen und die Arbeit in Werkstätten an. Hans Warneke wird in den Neubau ziehen, so ist er näher dran am Johannishag. „Ich fahre eine Stunde von Weyhe-Leeste, das kann ich im Alter nicht mehr.“ Er freut sich auf das Gemeinschaftserlebnis im neuen Haus.

Georg Argyropoulos geht es genauso: „Wir wollen das Gemeinschaftserlebnis, dass man nicht vereinsamt.“ Ständig kommen dem pensionierten Ingenieur neue Ideen. Er kann sich auch vorstellen, im neuen Gemeinschaftsraum zu kellnern. Vor acht Jahren ist Argyropoulos mit seiner Frau von Hannover nach Bremen gezogen, um näher dran zu sein am Parzivalhof der Stiftung in Ottersberg, wo der Sohn lebt.

Die Kreisdezernentin Heike Schumacher hält das Projekt für eine gute Sache, weil es Gemeinschaft ermöglicht und ein selbstbestimmtes Leben, weil sich das Niels-Stensen-Haus weiter nach außen öffnet und nicht nur einen Treffpunkt für die Haus- und Dorfgemeinschaft, sondern auch noch Angebote zur Nahversorgung schafft.

Auch der Gast aus Hannover ist angetan vom Projekt des Niels-Stensen-Hauses, das spüren die Zuhörer im Café Niels. „Sie schaffen nicht nur Wohneinheiten, Sie schaffen Raum für Begegnungen“, lobt die Staatssekretärin. „Auch VHS-Kurse für Menschen, die schlecht rauskommen.“ Es sei ein Riesenproblem, Fachkräfte für die Pflege zu gewinnen und junge Leute in ländlichen Räumen zu halten. Projekte wie dieses verbesserten die Nahversorgung und erhöhten die Lebensqualität im Dorf.

Als sie Karsten Kahlert den Förderbescheid in die Hand drückt, lenkt Honé den Blick auf die EU. Die habe die Mittel für den ländlichen Raum um 45 Prozent erhöht. „Ist doch toll, was Europa alles ermöglicht, oder?“, fragt die Staatssekretärin. Die Zuhörer klatschen. „In diesen Zeiten braucht Europa Unterstützung“, sagt Honé.

„Wir wollen das Gemeinschaftserlebnis, dass man nicht vereinsamt.“ Georg Argyropoulos, künftiger Bewohner

Quelle: Wümme-Zeitung, 27. Juli 2017

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