Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei

Die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei in Worphausen ist eine Bibliothek, aber gleichzeitig noch viel mehr. Hier finden Geschwister von Menschen mit Behinderung einen Ort für ihre Fragen.

Der Ort, den Eltern und Kinder aus ganz Deutschland aufsuchen, könnte bunter nicht sein. Auf den zweiten Blick. Auf den ersten kann es passieren, dass Besucher, die mit dem Auto auf der Landstraße von Lilienthal in Richtung Worpswede unterwegs sind, den weißen Altbau rechts liegen lassen. Bis sie wenden und schließlich doch noch unter den Erkern, die zur Straße hin aus dem Haus herausragen, vor der Tür stehen. Dahinter wartet eine Welt für sich.

Die Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei im Lilienthaler Ortsteil Worphausen ist eine Bibliothek, aber gleichzeitig noch viel mehr. Über die Türschwelle ist es nur ein kleiner Schritt, aber der eröffnet den jungen Besuchern die Chance, in ihrem Leben eine große Strecke voranzukommen. Denn was die Mädchen und Jungen mitbringen, sitzt manchmal sehr tief. Für einige ist diese Bibliothek vielleicht der erste Ort, an dem sie aussprechen können, was seit Langem in ihrem Inneren rumort. Dafür sorgt Marlies Winkelheide. In ihrer Bücherei bietet die Sozialwissenschaftlerin Geschwistern von behinderten Kindern einen geschützten Raum. „Für Geschwisterkinder ist die Situation schwieriger geworden“, hat Marlies Winkelheide im Lauf der Jahre festgestellt. „Weil man es nicht mehr direkt benennen kann, wenn der Bruder oder die Schwester eine Behinderung hat.“ Die Geschwister hätten ein feines Gespür dafür, „dass es umschrieben werden muss“. Dann würden sie sagen: ,Ich habe einen Bruder, der anders ist.“ Aber was dieses Andere bedeutet, würden sie oft nicht erfassen können. „Gleichzeitig aber trauen sie sich nicht, die Eltern darauf anzusprechen“, berichtet Marlies Winkelheide. „Ich möchte so gern wissen, was mein Bruder hat, aber ich mag meine Eltern nicht fragen und sie verletzen“, habe ein Siebenjähriger einmal zu ihr gesagt.

Was die noch jungen Kinder an reifen Gedanken mitbringen, erfüllt die Sozialwissenschaftlerin immer wieder mit Staunen. Manchmal passiert es auch ihr, dass sie schlucken muss und nicht sofort eine Antwort anbieten kann. Dem sechsjährigen Mädchen zum Beispiel auf die Frage: „Wieso kann man mit mehr weniger? Mein Bruder hat ein Chromosom mehr, aber er kann weniger als ich.“ In solchen Situationen sucht Marlies Winkelheide innerlich nach Bildern. „Stell dir eine Blume mit 20 Blättern vor“, habe sie dem Mädchen geantwortet, „und eine Blume mit 21 Blättern. Wenn auf beide Blumen ein Tautropfen fällt, dann braucht dieser bei der einen Blume länger, um am Boden anzukommen.“ Andere Kinder würden sich schuldig fühlen, dass die Schwester oder der Bruder mit einer Behinderung leben muss. „Aber so etwas erzählen sie nicht ihren Eltern“, weiß Marlies Winkelheide. „Für solche Fragen und Gefühle braucht es eben einen Ort. Es geht darum, diese Dilemmata aussprechen zu dürfen.“

Spielen hilft, wenn Worte fehlen

Diesen dafür geeigneten Ort hat die 69-Jährige am Rande der Worphauser Landstraße geschaffen. Eine Bibliothek wie ein Zuhause. Auf dem großen runden Holztisch stehen Schüsseln mit Gummibärchen und Knabberkram. Sofas laden zum Schmökern und Lümmeln ein, an den Wänden ziehen sich Regale entlang. Bilderbücher für die kleinen Besucher gibt es in greifbarer Höhe. Und unendlich viele bunte Stifte. Manchmal wollen die Gedanken erst auf einem weißen Blatt Papier Gestalt annehmen.

Die Bibliothek ist ein einziges Farben-Wirrwarr – wie ein modernes dreidimensionales Gemälde. Wohin das Auge schaut, entdeckt es Spiele über Spiele: Kuscheltiere, Kreisel, Murmeln, ein Plastikklavier, das platt auf dem Boden liegt und ertönt, wenn man drauf tritt. Und es gibt „die Viecher“. So nennen die Kinder die kleinen Figuren, die aussehen wie laufende Zahnbürstenköpfe. Die Lütten kommen zur Tür herein, stürmen zum hinteren Raum und rufen: „Wir spielen mit den Viechern.“ In all dem Gewusel steht Marlies Winkelheide wie die unerschütterliche Ruhe in Person und beobachtet alles gern. Selbst die Erwachsenen sind angetan, wenn die Bibliotheksleiterin die batteriebetriebenen Plastikteilchen in eine Kiste setzt, damit sie sich unermüdlich den Weg zwischen all den Hürden bahnen, die im Weg stehen. Nur, dass die Erwachsenen anfangs noch nichts von ihrer Begeisterung wissen. Erst mal ekeln sie sich ein bisschen. „Die Eltern sagen ,Kakerlaken‘ und ,wie furchtbar‘ – und dann hocken sie doch mit ihren Kindern am Boden und spielen selbst wie verrückt mit den Viechern.“ Marlies Winkelheide schmunzelt und freut sich, dass ihr Konzept Früchte trägt. „Spielen hilft immer“, sagt sie. Wenn Worte fehlen, wenn Beklommenheit den Mund verschließt oder wenn das Reden erst auf den Weg gebracht werden will, dann wirken all die Spiele und bunten Sachen wie ein Türöffner.

Mehr als 4300 Bücher

Sie ist seit Jahrzehnten Expertin, wenn es um die Gefühle und Gedanken von Geschwistern behinderter Kinder geht. 1982 hatte sie im benachbarten Niels-Stensen-Haus ihr erstes Geschwisterkinder-Seminar geleitet. Jetzt bietet sie seit fast vier Jahren in der Bibliothek, die den Namen des Pädagogen und Arztes Janusz Korczak trägt, Beratung an. „Beratung, aber keine Therapie“, betont die Sozialwissenschaftlerin. „Und ich rede nicht von Problemen.“ Ihr ist es wichtig, über bestimmte Fragestellungen den Zugang zu ihren Besuchern zu finden. „Ich will die Sicht des Kindes wissen.“ Weiter kommt sie dabei oft über die Symbole, die hinter all den Spielsachen stecken. Wer den Tüdelkram in die Hand nimmt, ergreift den Schlüssel zur tieferen Wirkung.

Gut 4300 Bücher zu etlichen Themen rund um Geschwisterkinder wie Glauben und Religion, Gefühle und Sexualität, Trauer, Sterben und Tod, auch Bilderbücher, Romane und „Sachbücher und Quatschbücher“ stehen in den Regalen. Hinzu kommen Ratgeber für Eltern, pädagogische Zeitschriften, Biografien, Kinder- und Jugendbücher. Marlies Winkelheide bietet hier nicht nur auf Anfrage (unter Telefon 0?42?08?/?89?56?10) Beratung an, sondern auch altersgemischte Gruppenarbeit für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren. „Sie profitieren voneinander“, weiß die Sozialwissenschaftlerin.

Broschüre für Schulen entwickelt

Vor ein paar Jahren hat sich an diesem Ort ein Geschwisterrat gegründet. Die zwölf Jugendlichen zwischen 14 und 24 Jahren haben einen Leseclub gegründet, „der sich speziell mit Literatur zu Geschwisterfragen befasst und Empfehlungen für Schulen schreibt sowie eine Broschüre erstellen wird, zu Fragen von Geschwistern behinderter Kinder aus unterschiedlichen Kulturen“, berichtet Marlies Winkelheide. Eine weitere Broschüre trägt den Titel „Biete Erfahrung – suche Haltung“. In ihr haben die Jugendlichen ihre eigenen Erlebnisse verarbeitet. Auf der Vorder- und Rückseite ist eine beschriftete Stoffpuppe zu sehen. Auf dem Titelbild trägt sie Beleidigungen wie „Spasti. Arschloch. Du bist behindert. Geh‘ sterben!“ Auf der Rückseite sind es Sätze, die sie gern hören würden: „Ich glaube an dich. Du bist jetzt wichtiger. Ich bin stolz auf dich.“ Die Broschüre ist auch für Schulen gedacht. „Lehrer sollten über Geschwisterkinder Bescheid wissen“, findet Marlies Winkelheide. Zumal im Zuge der Inklusion. „Es ist niemand gegen Inklusion, aber sie muss gut gemacht sein“, meint die Sozialwissenschaftlerin. „Für die Geschwisterkinder gibt es jetzt keinen Rückzug mehr. Sie sind nun dauernd gefordert. Und bei den Schimpfworten auf dem Schulhof wissen sie sich oft nicht zu helfen.“ Mehr als 2500 Mal sei die Broschüre schon angefordert worden. Entstanden ist sie als Beitrag der Janusz-Korczak-Geschwisterbücherei an der Gestaltung der Sonderausstellung „Lieblingsräume – so vielfältig wie wir“ im Bremer „Universum“.

Künftig soll die Welt hinter der Bibliothekstür noch mehr zu entdecken bieten. Die Räume werden erweitert. Geplant ist ein zusätzlicher Seminarraum, und auch die Lebenshilfe Bremen nutzt die Worphauser Bücherei für ihre Geschwister-Beratungsstelle. Außerdem sei ein Geschwisterarchiv im Aufbau, erzählt Marlies Winkelheide. „Der Geschwisterrat wird 35 Jahre Geschwisterseminare dokumentieren.“

Weitere Informationen unter www.geschwisterbuecherei.de.

Quelle: Wümme-Zeitung, 16. Juli 2017

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