Jan Reiners hat den Bahnhof Worphausen erreicht / Auf dem Rückweg rückwärts

Vom ehemaligen Bahndamm an der Falkenberger Landstraße, auf dem jetzt Bäume stehen, ist nicht mehr viel zu sehenLilienthal. Bevor die Kleinbahn Bremen-Tarmstedt, besser bekannt als Jan  Reiners, nach dreiwöchiger Pause auf ihrer Reise den Bahnhof Worphausen erreicht, müssen wir uns noch ein wenig in Falkenberg aufhalten. Gerade hat der Zug die Haltestelle Trupermoor verlassen, die nach der Gründung der Bahn im Jahr 1900 nur ein Jahr lang bestanden hatte und 1948 an der Kreuzung des heutigen Ahornwegs mit dem Birkenweg nördlich der Trupermoorer Landstraße wiederbelebt wurde. Sie bestand allerdings nur aus einem Bahnsteig. Kurz dahinter wurde zum dritten Male die Falkenberger Landstraße  überquert, etwa auf halber Strecke zwischen den Einmündungen des Birkenwegs und der 1. Landwehr. Ungefähr 250 Meter weiter südlich, aber noch von der Ortsmitte gesehen jenseits des Falkenberger Kreuzes, wohnt Johann Lindemann in seinem Elternhaus direkt an der Falkenberger Landstraße. Der 84-Jährige kann sich noch gut an die Zeiten mit der Kleinbahn erinnern.

Herbert Fittschen und Hermann Frese schreiben in ihrem Buch „Jan Reiners. Auf dem Spuren einer liebenswerten Kleinbahn“, das 1985 erschienen ist und 2001 eine Neuauflage erlebte, zu dem Foto einer aus Tarmstedt kommenden Lok auf dem Lilienthaler Bahnhof von 1901, dass die Lok noch „verkehrt herum“ gestanden habe, wobei man dieses „verkehrt herum“ als die herkömmliche Art zu fahren verstehen muss: mit dem Schornstein nach vorn. „Später fuhren  alle Lokomotiven nach Bremen grundsätzlich mit dem Führerstand voraus“, also rückwärts.

Das hatte, so meint Johann Lindemann, anders als von uns in einer früheren Folge vermutet, weder mit der Windrichtung noch mit besserer Übersicht zu tun, sondern einen ganz einfachen Grund: Weder an der Bremer Endstation am Parkbahnhof noch in Tarmstedt gab es eine Drehscheibe, auf der die Lokomotiven vor ihrer Rückfahrt gewendet werden konnten. Am Parkbahnhof existierte lediglich ein Umfahrungsgleis, in Tarmstedt zusätzlich mehrere Ladegleise. Die Lok wurde also abgekuppelt, fuhr auf dem Nebengleis rückwärts an ihrem Zug vorbei und wurde hinten wieder angekuppelt mit dem Schornstein gegen die Fahrtrichtung.

Einst gab es Fahrkarten bei 'Jan im Düstern', jetzt ist die 'Gaststätte im Grünen' zugewuchertWie aber erklärt es sich, dass in den ersten Jahren bei den nach Bremen fahrenden Loks der Schornstein nach vorn zeigte? Eine Drehscheibe gab es tatsächlich an der Strecke, diese befand sich kurz vor dem Bahnhof  Wörpedorf-Grasberg am Ende des Anschlussgleises für die Wörpedorfer Mühle von Gieschen. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass sich das Fahrpersonal von Jan Reiners, der ohnehin ständig  Verspätungen hatte, die Mühe gemacht haben sollte, die Lok dort abzukuppeln, in das Anschlussgleis hineinzufahren, in der Drehscheibe zu wenden und wieder anzukuppeln – fünf Minuten hätte man dadurch mindestens verloren. „Wahrscheinlich  fuhren die Loks anfangs von Bremen nach Tarmstedt mit dem Schornstein nach hinten, oder sie wurden so auf das Gleis gesetzt, wie es gerade kam“, vermutet Johann Lindemann.

Streng bürokratisch nahm man bei Jan Reiners den Betrieb nämlich nicht, wie Johann Lindemann selbst erfahren  hat, als er nach dem Krieg als 20-jähriger junger Mann mit der Kleinbahn nach Bremen-Findorff zur Arbeit fuhr – meistens mit der Dampflok Nummer 11. Das war die letzte Dampflok, die auf der Strecke in Dienst gestellt worden war, nach dem Krieg und als Mietlok von  der Kleinbahn Engelskirchen-Marienheide. Ursprünglich war sie ab 1911 bei der Mindener Kreisbahn gefahren, wie Fittschen und Frese schreiben. Johann Lindemann hat aus einer Buchreihe  von Gert Wolff über deutsche Kleinbahnen, die er sich in den 1960er-Jahren zugelegt hat, noch die weitere Information, dass sie von Minden aus nach Sylt verkauft wurde.

Die Lok Nummer 11 wurde gemietet, weil die Fahrtzeiten zu lang geworden waren, was auch an der schlechten Kohle  in der frühen Nachkriegszeit lag. Heute schmunzelt man über die netten Döntjes über die Unpünktlichkeit von Jan Reiners, wer aber morgens rechtzeitig bei der Arbeit sein musste, nahm es wohl weniger spaßig. Die Lok Nummer 11 hatte den großen Vorteil, dass ihr Tank so groß  war, dass sie auf das Wassernachfüllen im Lilienthaler Bahnhof verzichten konnte. Somit war eine Fahrtzeit von 80 Minuten realisierbar. Für einen Mietzins von 18 D-Mark am Tag wurde die Lok am 16. Januar 1950 gemietet.

Johann Lindemann arbeitete damals bei einem  Landmaschinenhandel in Findorff in der Nähe des „Hundeparks“, eines Tierheims. Die Maschinen wurden von der Bundesbahn an der Umladestelle Utbremen auf die Güterwagons von Jan Reiners geladen, aber schnell wurde der Zug seine Last wieder los, da er direkt am „Hundepark“ vorbeifuhr. Dort befand sich zwar kein Bahnsteig, der Landmaschinenhandel bekam seine Ware aber trotzdem genau vor die Haustür: In die Waggons wurden Spezialbohlen eingehängt, und dann hängten sich alle Mann in die Speichen und fuhren die Maschinen die Bohlen hinunter. „Das musste schnell gehen“, sagt Johann Lindemann.

Es ging also tatsächlich auch mal schnell bei Jan Reiners. Da wollen auch wir uns  ein bisschen beeilen und endlich den Bahnhof von Worphausen anlaufen, der über den heute noch sichtbaren Bahndamm erreicht wird, der von Lilienthal gesehen aus rechts neben der Falkenberger Landstraße verläuft. Der Bahnhof war auf dem einsamen Gehöft Rosenbrock und wurde erst 1901, ein Jahr nach Inbetriebnahme der Bahn,  eingerichtet. Landwirt Rosenbrock, dessen Name auf einem Bild in dem Buch von Frese und Fittschen mit C. abgekürzt wird, beantragte eine Schankkonzession und verkaufte auch die Fahrkarten, aber die Gaststätte habe nicht direkt  am Gleis gelegen, sagt Johann Lindemann. 1910 gab Rosenbrock die Fahrkartenagentur wieder auf, weil ihm die Entlohnung zu niedrig war. Erst vier Jahre später einigte er sich mit der Bahnverwaltung.

Die Gaststätte existierte noch lange nach Ende von Jan Reiners unter dem Namen „Gaststätte im Grünen/Jan im Düstern“. Der „Jan“ war wohl der Sohn des ersten Bahnhofswirts, und Johann Lindemann hat aus seiner Jugendzeit noch Erinnerungen an ihn. Bier  vom Fass habe er nicht ausgeschenkt, sagt er, sondern nur Flaschenbier, und zuweilen ging das aus. Dann schwang sich Jan Rosenbrock auf sein Fahrrad und radelte so schnell wie möglich zum Bierverleger Wrede an der Falkenberger Landstraße, dort, wo sich heute neben dem Altersheim Cura (damals die Falkenberger Molkerei von Thienemann) ein Sanitär- und Heizungsbetrieb befindet. Wrede war eine Niederlassung der Hemelinger Brauerei.

„Und dann fegte Jan Rosenbrock wieder mit großen Holschen und blauer Jacke bei uns vorbei, eine Kiste Bier auf dem Gepäckträger“, erzählt  Johann Lindemann – manchmal beeilte man sich bei Jan Reiners.

 

Quelle: Wümme-Zeitung, 20. November 2016

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